Das Bild zeigt ein Fahrzeug, mit dem im Auftrag von ESTAG und OMV seismische Messungen durchegeführt werden.
Seismikmessungen liefern die Grundlage für die nächsten Schritte des Geothermieprojekts „Tiefenkraft“. Foto: OMV

Damit könnte Tiefengeothermie langfristig rund die Hälfte des heutigen Fernwärmebedarfs im Großraum Graz abdecken. Das Vorhaben zählt zu den ambitioniertesten Energie- und Infrastrukturprojekten der Steiermark.

OMV und Energie Steiermark bündeln ihre Kompetenzen

Die Aufgabenverteilung zwischen den Projektpartnern folgt einer klaren industriellen Logik. OMV bringt ihre Erfahrung in den Bereichen Geologie, Bohrtechnik und Untergrundprojekte ein. Energie Steiermark übernimmt ihre Kompetenzen bei Infrastruktur, Systemintegration und Wärmevertrieb. Umgesetzt wird Tiefenkraft über eine gemeinsame Entwicklungsgesellschaft. OMV hält daran 75 Prozent, Energie Steiermark 25 Prozent. Die geplante Fernwärmeleitung nach Graz liegt vollständig in der Verantwortung der Energie Steiermark. Die Transportleitung soll rund 20 Kilometer lang werden. Dafür ist ein Investitionsvolumen von etwa 150 Millionen Euro vorgesehen.

Seismische Messungen liefern Untergrunddaten

Ein erster wichtiger Projektschritt wurde bereits abgeschlossen. Zwischen Februar und April 2026 führten die Projektpartner seismische Messungen entlang einer rund 900 Kilometer langen Messstrecke durch. Die gewonnenen Daten werden derzeit ausgewertet. Sie sollen die Grundlage für ein detailliertes Modell des Untergrunds bilden. Davon hängt wesentlich ab, an welchen Stellen weitere Bohrungen technisch und wirtschaftlich sinnvoll sind.

Erkundungsbohrung Petersdorf 2 startet 2026

Der nächste zentrale Meilenstein ist die Erkundungsbohrung „Petersdorf 2“ in St. Marein bei Graz. Die Vorbereitungsarbeiten sollen im September 2026 beginnen. Der eigentliche Bohrstart ist für das vierte Quartal vorgesehen. Voraussetzung dafür sind die erforderlichen Genehmigungen und die Fertigstellung des Bohrplatzes. Die Bohrung und die anschließende Testphase sollen drei bis vier Monate dauern. Erst die Ergebnisse dieser Tests werden zeigen, ob die geologischen Bedingungen für eine wirtschaftliche Nutzung der Tiefengeothermie ausreichen.

Investitionsentscheidung folgt nach den Tests

Bei positiven Ergebnissen wollen OMV und Energie Steiermark eine erste Geothermiedublette errichten. Sie besteht aus einer Produktions- und einer Injektionsbohrung. Über die Produktionsbohrung wird heißes Wasser aus dem Untergrund gefördert. Nachdem die Wärme genutzt wurde, wird das abgekühlte Wasser über die Injektionsbohrung wieder in die Tiefe zurückgeführt. Dadurch entsteht ein weitgehend geschlossener Kreislauf. Dieser ermöglicht eine langfristige und nachhaltige Nutzung der geothermischen Energie.

Wärmespeicher im Untergrund wird geprüft

Parallel dazu untersuchen die Projektpartner den Einsatz eines sogenannten Aquifer Thermal Energy Storage. Dabei wird überschüssige Wärme im Untergrund gespeichert und zu einem späteren Zeitpunkt wieder genutzt. Für die Grazer Fernwärmeversorgung könnte diese Technologie besonders im Winter wichtig werden. Dann steigt der Wärmebedarf stark an. Eine saisonale Speicherung könnte helfen, Angebot und Nachfrage besser auszugleichen.

Martin Graf und Werner Ressi, das Vorstandsteam der Energie Steiermark, bezeichnen Tiefenkraft als das größte Einzelinvestment in der Geschichte des Landesenergieunternehmens.Aus Sicht des Unternehmens kann Tiefengeothermie zu einem zentralen Baustein der steirischen Wärmewende werden. Auch OMV sieht Erdwärme als wichtigen Beitrag zu einer regionalen, unabhängigen und klimaneutralen Wärmeversorgung.

Erste Erdwärme für Graz ab 2030 möglich

Bis zur Umsetzung des Gesamtprojekts sind allerdings noch mehrere Schritte notwendig. Dazu gehören weitere Produktions- und Injektionsbohrungen, die Fernwärmeleitung nach Graz sowie die erforderlichen Anlagen an der Oberfläche. Die endgültige Investitionsentscheidung fällt erst nach Abschluss der Erkundungsbohrung und der Tests. Eine erste Lieferung von Erdwärme für die Fernwärmeversorgung wäre frühestens im Jahr 2030 möglich. Gelingt das Projekt, wäre Tiefenkraft weit mehr als ein Energievorhaben. Es wäre ein industriepolitisches Signal dafür, dass Klimaschutz, regionale Versorgungssicherheit und großvolumige Infrastrukturinvestitionen miteinander verbunden werden können.