
Die Studie „Agents, robots, and us“ zeigt vielmehr, dass zahlreiche Tätigkeiten künftig von KI-Agenten, automatisierten Systemen und Robotern übernommen oder beschleunigt werden könnten. Manche Berufsbilder dürften sich dadurch so stark verändern, dass sie in einigen Jahren kaum wiederzuerkennen sind.
Deutschland verfügt über enormes KI-Potenzial
Für den Wirtschaftsstandort ist das zunächst eine gute Nachricht. Unter zehn untersuchten europäischen Volkswirtschaften verfügt Deutschland über das größte absolute Produktivitätspotenzial.
Bis 2030 könnten deutsche Unternehmen durch Automatisierung und künstliche Intelligenz bis zu 426 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaften. Im Vereinigten Königreich liegt das Potenzial bei 328 Milliarden Euro, in Frankreich bei 208 Milliarden Euro.
Deutschland kann bei der Automatisierung also durchaus führend sein. Das gilt selbst dann, wenn im digitalen Alltag weiterhin nicht alles reibungslos funktioniert.
Der Vorsprung liegt nicht nur an der Größe der deutschen Volkswirtschaft. Entscheidend ist auch ihre Struktur. Wo viel Industrie, Verwaltung und wissensintensive Arbeit vorhanden sind, gibt es besonders viele standardisierte und wiederkehrende Abläufe.
Das größte sektorale Potenzial sieht McKinsey mit rund 98 Milliarden Euro im verarbeitenden Gewerbe. Danach folgen der Handel, die öffentliche Verwaltung sowie das Gesundheits- und Sozialwesen.
Der Kollege aus der Steckdose
Interessant ist, dass selbst in der Industrie nicht klassische Roboter den größten Produktivitätsschub bringen sollen. Der stärkere Hebel liegt laut Studie bei sogenannten KI-Agenten. Diese Systeme können Aufgaben planen, Informationen prüfen, Prozesse dokumentieren und Lieferketten überwachen. Sie können Abläufe koordinieren und Qualitätskontrollen unterstützen. Die Maschine der Zukunft kommt damit nicht nur mit einem Greifarm. Sie bringt auch einen Excel-Ersatz, außergewöhnlichen E-Mail-Fleiß und eine ausgeprägte Neigung zur Prozessoptimierung mit.
Europaweit entfallen rund 82 Prozent des Automatisierungspotenzials auf KI-Agenten. Lediglich 18 Prozent werden der klassischen Robotik zugerechnet. Für Investoren ist das eine wichtige Erkenntnis. Die nächste Produktivitätswelle wird möglicherweise weniger nach glänzenden Fabrikhallen aussehen. Wahrscheinlicher sind neu organisierte Abläufe, weniger Schnittstellen und kürzere Entscheidungswege. Hinzu kommt Software, die Aufgaben erledigt, für die heute noch Besprechungen angesetzt werden.
Ein Chatbot ist noch keine Transformation
McKinsey warnt allerdings davor, lediglich ein KI-Werkzeug einzuführen und anschließend auf ein Wirtschaftswunder zu hoffen. Produktivität entsteht erst, wenn ganze Arbeitsabläufe neu gestaltet werden. Das ist die schlechte Nachricht für alle Unternehmen, die einen Chatbot im Intranet bereits für eine gelungene digitale Transformation halten. Viele Betriebe setzen künstliche Intelligenz inzwischen regelmäßig ein. Deutlich weniger Unternehmen können jedoch messbare wirtschaftliche Ergebnisse vorweisen. Auch das hat etwas Tröstliches. Ein Unternehmen kann sehr modern wirken und trotzdem erstaunlich wenig verändern.
Standortdiagnose statt Science-Fiction
Deutschland verfügt laut McKinsey über einen strukturellen Vorteil. Rund 35 Prozent der Beschäftigten arbeiten in sogenannten agentenzentrierten Rollen. Dazu gehören etwa Tätigkeiten in der Buchhaltung, der Verwaltung und der Softwareentwicklung. Weitere 27 Prozent arbeiten in hybriden Berufen, in denen Menschen eng mit Maschinen und digitalen Systemen zusammenarbeiten. Der Kollege von morgen trinkt keinen Kaffee, ist niemals krank und braucht keine Kantine. Dafür verlangt er regelmäßig nach Updates.
Menschliche Arbeit wird dennoch nicht einfach verschwinden. Rund 86 Prozent der heute benötigten Fähigkeiten bleiben laut Studie relevant. Sie werden künftig jedoch anders eingesetzt. Technische Aufgaben und standardisierte Prozesse werden stärker gemeinsam mit KI erledigt. Gleichzeitig bleiben menschliche Kompetenzen wie Führung, Empathie, Kreativität und Urteilsvermögen gefragt. Für Europa ist die Studie daher weniger Science-Fiction als eine wirtschaftspolitische Standortdiagnose. Bis 2030 geht es um ein mögliches Produktivitätspotenzial von 1,66 Billionen Euro.
Österreich wird in der Untersuchung nicht gesondert ausgewiesen. Aufgrund der starken Industrie, der zahlreichen Zulieferbetriebe, des Fachkräftemangels und des hohen Anteils an Wissensarbeit dürfte die Entwicklung jedoch auch hier erhebliche Auswirkungen haben. Künstliche Intelligenz ist damit nicht nur eine technologische Frage. Sie wird zunehmend zur entscheidenden Standortfrage.
McKinsey-Studie zu KI und Automatisierung
Studie: „Agents, robots, and us: How AI reshapes work and skills in Europe“
Herausgeber: McKinsey Global Institute
Untersuchte Länder: zehn europäische Volkswirtschaften
Produktivitätspotenzial Europa: bis zu 1,66 Billionen Euro bis 2030
Produktivitätspotenzial Deutschland: bis zu 426 Milliarden Euro
Vergleich: Vereinigtes Königreich 328 Milliarden Euro, Frankreich 208 Milliarden Euro
Technisch automatisierbare Arbeitsstunden in Deutschland: 59 Prozent
Anteil agentenzentrierter Rollen in Deutschland: 35 Prozent der Beschäftigten
Anteil hybrider Rollen: 27 Prozent der Beschäftigten
Europaweites Automatisierungspotenzial: 82 Prozent durch KI-Agenten, 18 Prozent durch Robotik
Relevanz menschlicher Fähigkeiten: 86 Prozent bleiben auch im KI-Zeitalter gefragt
Datenbasis: Lightcast, Eurostat, Statistisches Bundesamt, O*NET und McKinsey-Automatisierungsmodell