Was mussten wir nicht für erschreckende Warnungen lesen vor dieser Fußballweltmeisterschaft. Kaum eine andere WM wurde in Europa vor ihrem Beginn so skeptisch, so zynisch und so sarkastisch beurteilt wie jene in den USA, Kanada und Mexiko. Vor allem die Vereinigten Staaten galten vielen europäischen Kommentatoren als ungeeignetes Gastgeberland. Fußball sei dort nur ein Randsport, die Stadien würden sich nicht füllen, die Atmosphäre könne mit den Fußballnationen Europas oder Südamerikas niemals mithalten. Es könnte ein peinliches Trump-Spektakel werden, und die USA werde sich damit blamieren. Manche riefen sogar nach einem Boykott der WM.

Ein internationales Fußballfest

Schon in der Gruppenphase verwandelten sich zahlreiche amerikanische Städte in ein internationales Fußballfest. Hunderttausende Fans aus aller Welt füllten die Innenstädte, Restaurants und Fanmeilen. Die Stadien waren ausverkauft, die Fernsehquoten erreichten Rekordwerte, selbst bei Spielen ohne Beteiligung der US-Mannschaft. Der Fußball erwies sich nicht als Fremdkörper, sondern als globale Sprache, die auch in den entlegensten Städten der Vereinigten Staaten verstanden wird.

Ein überholtes Bild von Amerika

Die Fehleinschätzung ist bemerkenswert, vor allem weil sie auf einem veralteten europäischen Klischee beruht, überladen mit politischen Vorurteilen. Viele betrachten Amerika immer noch durch die Brille der Vergangenheit. Baseball, American Football und Basketball gelten als die eigentlichen Nationalsportarten. Übersehen wird, dass Fußball seit Jahren die am stärksten wachsende Sportart des Landes ist. Millionen Kinder spielen in Vereinen, die Einwanderung aus Südamerika hat den Sport verbreitet, und eine junge Generation verfolgt die großen europäischen Ligen genauso selbstverständlich wie die NFL oder NBA.

Amerikas organisatorischer Vorteil

Hinzu kommt ein typisch amerikanischer Vorteil, die Fähigkeit, Großveranstaltungen zu organisieren. Ob Olympische Spiele, Super Bowl oder internationale Konzerte, die USA verfügen über Stadien, Infrastruktur, Sicherheitskonzepte und logistische Erfahrung, die weltweit einzigartig sind. Wie viele neue Stadien mussten in den verschiedenen Austragungsorten gebaut werden? In den USA sind sie bereits vorhanden. Was viele Europäer als übertriebene Kommerzialisierung kritisieren, etwa die ständigen Unterbrechungen durch Werbung, sorgt für einen kommerziell abgesicherten, reibungslosen Ablauf und ein Erlebnis, das Millionen Besucher begeistert.

Das Schweigen der Kritiker

Interessant ist nicht nur der sportliche Erfolg, sondern auch das plötzliche peinliche Schweigen der Kritiker. Kein Wort der Kommentatoren in den TV-Anstalten und Zeitungen, dass sie sich möglicherweise geirrt haben oder ihre Prognosen falsch waren. Stattdessen werden neue Kritikpunkte gesucht, zu viel Unterhaltung, zu wenig Tradition, zu große Stadien, zu viel Werbung oder zu viel Show.

Doch hinter dieser Nörgelei verbirgt sich offenbar die Kränkung, dass ausgerechnet jenes Land, dem man mangelnde Fußballkultur vorwarf, eine der erfolgreichsten Weltmeisterschaften der Geschichte veranstaltet.

Kommerz ist kein amerikanisches Problem

Manches Unbehagen ist nicht unberechtigt. Die enormen Summen, die in die Vereine gesteckt werden, die Gehälter der Stars, der Aufmarsch der Prominenten. Der Fußball hat sich vom Sport der Arbeiterklasse verabschiedet. Doch die Entwicklung in Europa ist nicht anders. Europas Fußball gilt vielen als kulturelles Erbe, beinahe als exklusives Markenzeichen. Die Kommerzialisierung hat jedoch auch Europa nicht verschont. Gelder aus den Ölstaaten verändern den Fußball in Europa wie die Gelder der Milliardäre den Fußball in den USA. Wenn die Vereinigten Staaten nun zeigen, dass sie dieses Spiel nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional erfolgreich inszenieren können, gerät ein aufgesetztes Selbstbild ins Wanken.

Die Fans ignorieren die Politik

Die große Überraschung dieser Weltmeisterschaft ist die Gleichgültigkeit der Fans gegenüber der politischen Elite. Trump ist nur ein Thema für die Kommentatoren in den Medien. Die begeisterten, bunt bemalten Frauen, Männer und Kinder in den Stadien und Fanzonen interessiert die Politik nicht. Die WM ist nicht nur ein Triumph des Fußballs. Sie ist auch eine Niederlage der politischen Propaganda, die den Sport für ihre Polemik einfach nur benutzen möchte.

Außenansicht Fazit 225 (August 2026)