
Das Schauspielhaus Graz startet selbstbewusst in die Spielzeit 2026/27. Unter dem Leitmotiv Pink setzt das Haus auf starke literarische Stoffe, neue Perspektiven und offene Theaterformate. Die Farbe der neuen Saison ist Pink. Wer darin lediglich einen ästhetischen Akzent erkennt, unterschätzt die programmatische Handschrift des Schauspielhauses Graz. Die Spielzeit 2026/27 versteht sich als Einladung zur Perspektivverschiebung. Pink steht weniger für Leichtigkeit als für Aufmerksamkeit und den Mut, Bekanntes neu zu betrachten. Intendantin Andrea Vilter und Chefdramaturgin Anna-Sophia Güther führen damit den bisherigen Kurs konsequent fort. Das Schauspielhaus hat sich als künstlerisch ambitionierte Bühne und als Ort gesellschaftlicher Debatten etabliert. Steigende Besucherzahlen, eine Auslastung von rund 75 Prozent und der hohe Anteil junger Gäste bestätigen diesen Weg.
Saisonauftakt mit drei Premieren
Ende September beginnt die neue Spielzeit mit einem Premieren-Triple auf allen drei Spielstätten. Im großen Haus eröffnet „Die Waffen nieder!“ die Saison. Der Roman der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner gehört zu den bedeutendsten pazifistischen Werken der europäischen Literaturgeschichte.
Die eigens für Graz entwickelte Bühnenfassung wird von Sandra Strunz inszeniert. Sie ist zugleich eine österreichische Erstaufführung. Angesichts internationaler Konflikte und wachsender geopolitischer Unsicherheit besitzt der Stoff besondere Aktualität.
Das Schauspielhaus begreift den dramatischen Kanon nicht als abgeschlossenes Museum. Klassiker werden mit neuen literarischen Positionen und bislang weniger beachteten Stimmen verbunden. Diese Erweiterung zählt seit Beginn der Intendanz von Andrea Vilter zu den zentralen Leitmotiven des Hauses.
Klassiker treffen auf neue Perspektiven
In der kommenden Saison steht Eugène Ionescos Absurditäten-Parabel „Die Nashörner“ ebenso auf dem Programm wie Werke von Elfriede Jelinek und Emily Brontë. Mit „Sturmhöhe – Wuthering Heights“ gelangt einer der großen Romane der Weltliteratur auf den Grazer Spielplan. Die Geschichte über Leidenschaft, Macht, gesellschaftliche Ausgrenzung und zerstörerische Beziehungen verspricht einen intensiven Theaterabend. Im Mittelpunkt stehen die dunklen Kräfte menschlicher Existenz und die Frage, wie soziale Verhältnisse persönliche Entscheidungen prägen.
Feministischer Theaterklassiker „Machinal“
Besondere Aufmerksamkeit verdient die Produktion „Machinal“. Das expressionistische Drama von Sophie Treadwell aus dem Jahr 1928 gilt als Meilenstein feministischer Theaterliteratur.
Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die an den Zwängen einer technisierten Gesellschaft zerbricht. Leistungsdruck, Entfremdung und gesellschaftliche Rollenerwartungen verleihen dem beinahe 100 Jahre alten Stück eine überraschende Gegenwärtigkeit.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet die österreichische Literatur. Heimische Autorinnen und Autoren werden dabei nicht als nationale Pflichtübung verstanden. Sie sind ein zentraler Bestandteil einer zeitgenössischen Theaterlandschaft, die regionale Verankerung mit internationaler Offenheit verbindet.
Theater als künstlerisches Labor
Das Schauspielhaus setzt sowohl auf etablierte Regiepositionen als auch auf jüngere Künstlerinnen und Künstler. Neue Perspektiven sollen nicht nur eine dekorative Ergänzung sein, sondern die künstlerische Erneuerung vorantreiben. Diese Offenheit zeigt sich besonders in den kleineren Spielstätten Schauraum und Konsole. Sie haben sich zu wichtigen Laboratorien zeitgenössischer Theaterformen entwickelt. Die Konsole dient zunehmend als Experimentierraum für digitale und hybride Formate. Mit einem KI-Labor, offenen Bühnenformaten und dem Festival „Digithalia“ untersucht das Haus das Verhältnis von Technologie, Kunst und Öffentlichkeit. Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, wie künstliche Intelligenz das Theater verändern könnte, werden diese Fragen in Graz bereits praktisch erprobt.
Ein öffentlicher Ort der Begegnung
Das Schauspielhaus versteht sich zugleich als öffentlicher und sozialer Raum. Partizipative Formate, Gesprächsreihen und inklusive Projekte sollen die Distanz zwischen Bühne und Publikum weiter verringern. Gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung gewinnt diese Haltung an Bedeutung. Theater soll nicht nur Aufführungsort sein. Es soll Begegnungen ermöglichen, Diskussionen anstoßen und unterschiedliche Sichtweisen sichtbar machen. Zu den weiteren Premieren der Saison zählen „Ein Übertritt“, „Werther & Lotte & Albert“, die Uraufführung „Voyager Golden Records“ und „Anleitung ein anderer zu werden“. Fragen nach Identität, Veränderung und gesellschaftlicher Zugehörigkeit ziehen sich durch das Programm.
Pink als kulturelles Signal
Mit zahlreichen Nestroy-Nominierungen und einer wachsenden Wahrnehmung im deutschsprachigen Raum hat sich das Schauspielhaus Graz zu einem der profiliertesten Schauspieltheater Österreichs entwickelt. Die neue Saison dürfte diesen Anspruch weiter festigen. In wirtschaftlich angespannten Zeiten ist das keineswegs selbstverständlich. Kulturbudgets geraten unter Druck, während öffentliche Institutionen ihre gesellschaftliche Bedeutung zunehmend rechtfertigen müssen. Das Schauspielhaus setzt dennoch auf künstlerische Qualität und komplexe Inhalte.
Die Spielzeit 2026/27 ist damit ein Plädoyer für die Kraft der Kunst. Theater kann gesellschaftliche Debatten führen, historische Erfahrungen neu befragen und unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft sichtbar machen. Pink ist deshalb mehr als eine Saisonfarbe. Es ist ein Signal für Neugier, Offenheit und die Überzeugung, dass Theater gerade in unruhigen Zeiten unverzichtbar bleibt.
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Alles Kultur, Fazit 225 (August 2026), Fotos: Faksimile