In der Grazer Kommunalpolitik passieren Dinge, die überall sonst Grundsatzdebatten über Gut und Böse auslösen würden. Die Grazerinnen und Grazer wählen inzwischen mit erstaunlicher Gelassenheit eine KPÖ, die ihr historisches Gepäck nicht etwa verschämt im Keller lagert, sondern es gelegentlich abstaubt, poliert und wie zuletzt am 1. Mai ins Schaufenster stellt. Eine Partei, die sich nicht wie ein moderner Sozialverein mit zufällig rotem Logo gibt, sondern weiterhin bemerkenswert entspannt zur kommunistischen Tradition steht, samt der Internationalen und einem ideologischen Familienalbum, in dem auch die KPdSU nicht als peinlicher Onkel verschwiegen wird.

 

Stadtrat Robert Krotzer (KPÖ) lächelt in die Kamera. Schließlich weiß er, dass er schon bald der zweite kommunistische Bürgermeister von Graz werden kann.
Robert Krotzer lächelt in die Kamera. Schließlich weiß er, dass er schon bald der zweite von der KPÖ gestellte Bürgermeister von Graz werden kann. [Foto: KPÖ Steiermark]
Das Erstaunliche daran ist weniger, dass es diese KPÖ immer noch gibt. Österreich hat schließlich für fast alles einen Verein oder eine Kammer. Erstaunlich ist, dass die Grazer Wähler es inzwischen als völlig normal empfinden, von einer Kommunistin regiert zu werden. In anderen Städten reicht schon ein schlecht formulierter Tweet, um ganze Milieus in moralische Schnappatmung zu versetzen. In Graz kann man hingegen Bürgermeisterin einer Partei sein, deren Weltbild auf grausamsten Verbrechen mit Millionen Toten fußt. Und dennoch wird Elke Kahr bis weit ins bürgerliche Lager hinein als Inbegriff von Bodenständigkeit und sozialer Wärme wahrgenommen.

Kommunismus als Dienstleistung

Sie hat es in bester Ernst-Kaltenegger-Manier geschafft, in der Wahrnehmung ihrer Wähler aus der KPÖ eine Art kommunale Caritas zu machen. Mit Sprechstunden in Mietfragen, großzügigen Spenden aus den eigenen Bezügen und persönlicher Glaubwürdigkeit, die stärker wirkt als jedes noch so verbrecherische Parteiprogramm. Kahr ist die personifizierte Entwarnung vor dem bösen Kommunismus. Solange sie vorne steht, muss man nicht so genau hinschauen, was hinten auf der Fahne steht. Der Kommunismus kommt in Graz mit Wohnbeihilfe und dem Satz: „Kommen Sie halt vorbei.“

Nun hat die KPÖ ihre Liste für die Gemeinderatswahl beschlossen, und die ist praktisch deckungsgleich mit jener von vor fünf Jahren. Kahr auf eins, Robert Krotzer auf zwei und dahinter die bewährte Mannschaft, die niemand kennen muss, weil sie mit Ausnahme von Finanzstadtrat Manfred Eber unterhalb der medialen Wahrnehmbarkeit agiert. Neue Namen gibt es kaum. Die Botschaft lautet Kontinuität. Die KPÖ will nichts riskieren, weil sie weiß, dass sie nicht wegen ihrer Idee gewinnt, sondern wegen der Person an ihrer Spitze.

Kahr gewinnt, Krotzer erbt

Daher spricht vieles dafür, dass die 65-jährige Kahr nur deshalb noch einmal antritt, weil sie der KPÖ den Bürgermeistersessel sichern will. Nur wenn sie bleibt, kann der Übergang funktionieren. Und der erwartbare Name dieses Übergangs heißt Robert Krotzer. Er ist jung, erfahren, bestens eingeführt, aber ideologisch erkennbarer als Kahr. Der kommunistische Plan zur Sicherung von Graz lautet: Kahr gewinnt das Vertrauen, Krotzer erbt die Struktur.

Dass dieser Plan kaum debattiert wird, gehört zur Grazer Normalität. In der steirischen Landeshauptstadt diskutiert man lieber über Sozialleistungen, Begegnungszonen, Radwege und die Verhinderung von Bauprojekten, die die Sicht nehmen, als über Parteigeschichte, Programmatik oder Machtübergaben. Das passt viel besser zur breiten Fanbase der Grazer KPÖ, die inzwischen nicht nur von Leuten gewählt wird, für die bei überregionalen Wahlen längst nur mehr die FPÖ infrage kommt, sondern auch von woken Studenten bis hin zu den Geidorf-Bobos.

Am 28. Juni wählt man Elke Kahr und bekommt – wenn die Umfragen stimmen – recht bald nach der Wahl Robert Krotzer. Mit der netten Kommunistin von nebenan wählt man auch eine KPÖ, die sich viel weniger verändert hat, als ihre Wähler glauben wollen. Vielleicht ist das die eigentliche Grazer Besonderheit. Hier gilt Kommunismus nicht als Systemfrage, sondern als Serviceleistung.