Der Ton macht die Musik

Tontechnik bemerkt man meistens erst, wenn sie schlecht gemacht ist. Solange Stimmen klar klingen, die Lautstärken stimmen und keine störenden Hintergrundgeräusche zu hören sind, interessiert sich kaum jemand für die Technik dahinter. Erst wenn ein Podcast rauscht, ein Interview hallt oder zwei Gesprächspartner klingen, als säßen sie in unterschiedlichen Räumen, wird die Bedeutung guter Audiobearbeitung deutlich.

Audio ist kein bloßes Beiwerk. Es entscheidet darüber, ob Menschen konzentriert zuhören oder frühzeitig abschalten. Genau an diesem Punkt setzt das Grazer Unternehmen Auphonic an. Auphonic hat eine KI-basierte Software entwickelt, die Audioaufnahmen automatisch analysiert, verbessert, normalisiert, entrauscht und für die Veröffentlichung vorbereitet. Das Onlinewerkzeug muss weder gekauft noch installiert werden. Nutzer laden eine Audio- oder Videodatei hoch und lassen sie automatisch bearbeiten. Zwei Stunden Audiobearbeitung pro Monat sind kostenlos. Wer mehr benötigt, kann zusätzliche Stunden kaufen oder ein Abonnement abschließen. Große Kunden integrieren Auphonic direkt in ihre Plattformen und zahlen nach dem verarbeiteten Volumen.

Auphonic gehört zu jenen steirischen Technologieunternehmen, die in ihrer Heimat kaum bekannt sind, international aber eine führende Rolle spielen. Das Unternehmen fällt nicht durch Lautstärke auf, sondern durch seine Technologie. Sie wird überall dort eingesetzt, wo Audioqualität, Skalierung und Automatisierung entscheidend sind. Das gilt auch für das Umfeld großer Technologieunternehmen, die normalerweise ganze Abteilungen mit Aufgaben beschäftigen, die Auphonic mit einem kleinen Team löst. Das Unternehmen beschäftigt rund zwölf Mitarbeiter und arbeitet von Graz aus für Kunden in aller Welt.

KI für bessere Audioqualität

Wer schon einmal ein Mikrofon verwendet hat, weiß, dass gute Tonaufnahmen schwieriger sind, als viele Zuhörer vermuten. Hintergrundgeräusche, stark schwankende Lautstärken, Mundgeräusche, Straßenlärm oder ein quietschender Sessel können eine Aufnahme unbrauchbar machen. Auphonic versucht, solche Probleme weitgehend automatisiert zu lösen. Christoph Grasser ist im Unternehmen für Business Development, Vertrieb und internationale Kundenkontakte verantwortlich. Er widerspricht jedoch der Vorstellung, künstliche Intelligenz könne professionelle Tontechniker vollständig ersetzen.

Auphonic wolle keine Fachleute verdrängen, sondern ihre Arbeit durch leistungsfähige Werkzeuge ergänzen. Die Software sei nicht magisch und auch nicht fehlerfrei. Sie könne aber aus einer kaum veröffentlichbaren Aufnahme oft einen sendefähigen Beitrag machen. Gegründet wurde Auphonic von Georg Holzmann. Er tritt in einer Branche, in der Unternehmen häufig möglichst schnell möglichst groß wirken wollen, auffallend unaufgeregt auf. Es gibt kein gläsernes Hauptquartier, keine große Start-up-Inszenierung und kein missionarisches Vokabular. Auphonic setzt stattdessen auf Spezialwissen, Produktqualität und einen globalen Markt.

Georg Holzmann, CEO von Auphonic
Foto: Simon Kuro

Wer sein eigenes Geld verdient, muss keine Investorenstory erzählen.

Georg Holzmann, Gründer von Auphonic

 

Wachstum ohne Kontrollverlust

Georg Holzmann studierte Toningenieurwesen an der Technischen Universität Graz und begann später ein Doktorat in Berlin. Er hörte viele Podcasts und erkannte früh ein wiederkehrendes Problem. Viele Menschen hatten etwas zu sagen, verfügten aber nicht über die technischen Fähigkeiten, ihre Aufnahmen professionell klingen zu lassen. Aus dieser Beobachtung entstand zunächst ein Nebenprojekt und später eine eigenständige Plattform. Seit 2013 besteht Auphonic als Unternehmen.

In der üblichen Logik vieler Technologiegeschichten wäre Auphonic inzwischen verkauft, mit Risikokapital stark vergrößert oder wieder vom Markt verschwunden. Das Unternehmen entschied sich jedoch für einen anderen Weg. Auphonic ist vollständig eigenfinanziert und hat keine klassische Start-up-Finanzierung aufgenommen. Es gibt keine externen Investoren, die auf schnelles Wachstum drängen oder Produktentscheidungen beeinflussen. Diese Unabhängigkeit war keine Notlösung, sondern eine bewusste Strategie. Laut Grasser erhält Auphonic regelmäßig Anfragen von Investoren, Beteiligungsinteressenten und möglichen Käufern. Externes Kapital bringt jedoch nicht nur zusätzliche finanzielle Mittel. Es führt meist auch zu Mitspracherechten, Renditeerwartungen und Wachstumsdruck.

Genau das wollte Auphonic vermeiden. Das Unternehmen lehnt Wachstum nicht ab. Die Plattform verarbeitet Audio für Einzelpersonen, Medienhäuser, Plattformen und internationale Großkunden. Wachstum soll aber nicht auf Kosten der Produktqualität erfolgen. Auphonic will nicht möglichst viel Geld verbrennen, um möglichst schnell Marktanteile zu gewinnen. Das Unternehmen setzt darauf, dass Kunden bleiben, Partner die Technologie integrieren und Produzenten einen klaren Qualitätsunterschied erkennen. Diese Zurückhaltung birgt Risiken. In Technologiemärkten gewinnt nicht immer das beste Produkt. Auch große Konzerne wie Adobe und Meta beschäftigen sich intensiv mit Sprache, Audio und künstlicher Intelligenz.

Ein Modell, das in 80 Prozent der Fälle brauchbare Ergebnisse liefert, sei relativ leicht zu entwickeln, erklärt Grasser. Die eigentliche Herausforderung liege in den schwierigen Grenzfällen. Dazu gehören Aufnahmen, bei denen Sprache, Musik, Raumklang, schlechte Mikrofone und unterschiedliche Störgeräusche zusammentreffen. Genau dort entscheidet sich, wie leistungsfähig eine Audiotechnologie tatsächlich ist.

Audiotechnologie aus Graz

Dass Auphonic von Graz aus arbeitet, sieht Grasser nicht als Nachteil. Die Stadt sei äußerst gut als Unternehmenszentrale geeignet. Graz biete eine hohe Lebensqualität, eine gute Verkehrsanbindung und ein starkes Ausbildungsumfeld. An der Technischen Universität Graz und an der Kunstuniversität Graz werden Fachkräfte im Bereich Toningenieurwesen ausgebildet. Auch Grasser studierte Elektrotechnik und Toningenieurwesen an der TU Graz. Mehrere Mitarbeiter verfügen über einen ähnlichen fachlichen Hintergrund.

Zum Team gehören außerdem Musiker, Sounddesigner, Audioentwickler und Webentwickler. Künstliche Intelligenz ist bei Auphonic kein bloßes Marketingwort. Die Software muss tatsächlich erkennen, was in einer Aufnahme passiert. Sie unterscheidet zwischen Sprache, Musik, Soundeffekten und Störgeräuschen. Dafür benötigt das Unternehmen geeignete Modelle, Algorithmen und hochwertige Trainingsdaten. Diese Daten müssen vorbereitet, markiert und bewertet werden. Nur gute Datensätze ermöglichen zuverlässige Ergebnisse. Für die Nutzer wirkt der Vorgang dennoch einfach. Sie laden eine Datei hoch, wählen die gewünschten Funktionen und überlassen den Rest der Software.

Auphonic kann Lautstärken angleichen, Hintergrundgeräusche reduzieren und längere Sprechpausen entfernen. Die Software bereitet Dateien für verschiedene Plattformen vor, erstellt Transkriptionen und verbessert auch den Ton von Videodateien. Die Bildbearbeitung gehört bewusst nicht zum Angebot. Auphonic versteht sich als Spezialist für Audio und nicht als vollständiges Videostudio.

Weltweit im Einsatz

Die größte Nutzergruppe von Auphonic sind Podcaster. Das Einsatzgebiet reicht jedoch deutlich weiter. Zu den Nutzern gehören Einzelpersonen, Medienhäuser, Bildungseinrichtungen, Videoproduzenten, Rundfunkanstalten und internationale Technologieunternehmen. Viele Endnutzer wissen vermutlich gar nicht, dass im Hintergrund Auphonic arbeitet. Eine der wichtigen Podcastplattformen der Welt ist Buzzsprout. Das Unternehmen bietet die Technologie von Auphonic unter dem Namen Magic Mastering an. Solche Kooperationen können als White-Label-Lösung oder als offizielle Partnerschaft umgesetzt werden. Wichtig ist für Auphonic, dass die Technologie auf den eigenen Servern läuft und nicht an andere Unternehmen weitergegeben wird.

Dadurch behält Auphonic die Kontrolle über die Software. Die Plattform zählt mittlerweile rund zwei Millionen Nutzer. Mehr als 90 Prozent von ihnen kommen aus dem Ausland. Zu den wichtigsten Märkten gehören die USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Im Bereich Podcast-Mastering und automatisierte Audiobearbeitung sieht sich Auphonic in einer führenden Marktposition. Der bekannte US-Technologiepodcaster Lex Fridman nutzt die Software und stellt sich öffentlich als Testimonial zur Verfügung. Auch Meta erwähnte Auphonic bereits in einem Vergleichstest. Das Grazer Unternehmen ist damit bis ins Silicon Valley bekannt, bleibt für viele Menschen aber weitgehend unsichtbar.

Ein Porträt von Christoph Grasser, Kommunikationschef von Auphonic
Foto: Simon Kuro

Graz ist extrem headquartertauglich.

Christoph Grasser, Vertrieb und Internationales

Grüner Strom für künstliche Intelligenz

Wer über künstliche Intelligenz spricht, muss auch über ihren Energieverbrauch sprechen. Auphonic geht bei diesem Thema einen eigenen Weg. Die Trainingsserver stehen auf einem Biobauernhof in der Hochsteiermark. Dort erzeugt eine Photovoltaikanlage Strom. Überschüssige Energie wird für das Training der KI-Modelle genutzt. Die Server, auf denen Kunden die Technologie verwenden, werden beim deutschen Anbieter Hetzner betrieben. Auch dort werde laut Grasser Strom aus erneuerbaren Quellen eingesetzt.

Datenschutz spielt bei der Verarbeitung von Audioaufnahmen eine wichtige Rolle. Auphonic behält sich vor, Produktionsdaten für Trainingszwecke zu verwenden. Nutzer können dieser Verwendung jedoch widersprechen. Für große Kunden und Rundfunkanstalten sind Datensicherheit und individuelle Vereinbarungen besonders wichtig. Eine Installation der Software direkt bei den Kunden bietet Auphonic nicht an. Die dafür notwendige Prozessorinfrastruktur sei zu speziell. Zudem wolle das Unternehmen seine Modelle nicht vollständig an Dritte herausgeben.

Qualitätsführerschaft als Geschäftsmodell

Auphonic verdient sein Geld vor allem über die Länge der bearbeiteten Audiodateien. Das Unternehmen bietet Guthaben, Abonnements und individuelle Businessmodelle für große Datenmengen an. Zwei Stunden Nutzung pro Monat sind kostenlos. Ein Abonnement mit mehreren Stunden pro Woche kostet laut Grasser etwa elf oder zwölf Dollar monatlich. Große Kunden nutzen eine Programmierschnittstelle. Über diese Schnittstelle können externe Plattformen Audiodateien automatisch an Auphonic übermitteln und anschließend weiterverarbeiten.

Die größte Herausforderung besteht nicht darin, Auphonic möglichst schnell in ein Massenmarktunternehmen zu verwandeln. Entscheidend ist, die Qualitätsführerschaft zu behaupten. Auphonic will mit internationalen Konzernen mithalten, obwohl das Unternehmen nicht über deren Milliardenbudgets verfügt. Ein neues Modell zur automatischen Rauschunterdrückung steht kurz vor der Marktreife. Auch die professionelle Bearbeitung von Hörbüchern spielt eine wachsende Rolle. Dabei orientiert sich Auphonic unter anderem an den weltweit verbreiteten Vorgaben von Audible.

Das Unternehmen will weiter wachsen, aber nicht um jeden Preis. Entscheidend sind die Qualität der Dienstleistung und die finanzielle Unabhängigkeit. Das klingt weniger spektakulär als die häufig wiederholten Start-up-Erzählungen über exponentielles Wachstum und aggressive Expansion. Auphonic muss jedoch keine Investoren überzeugen. Das Unternehmen muss seine Kunden überzeugen.

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